Retroaktive Interferenz
Retroaktive Interferenz heißt, dass etwas Neues, das du lernst, es schwerer macht, dich an etwas früher Gelerntes zu erinnern. Neu blockiert alt. Das Gegenstück ist die proaktive Interferenz, bei der altes Wissen das Neue stört. Beides wirkt am stärksten, wenn sich die Inhalte sehr ähneln.
So hältst du sie auseinander: retro heißt rückwärts, der Schaden geht also zurück zur älteren Erinnerung. Pro heißt vorwärts, die alte Erinnerung drängt nach vorn und blockiert die neue. Du änderst dein Passwort und weißt das alte bald nicht mehr. Das ist retroaktiv. Du tippst im neuen Konto immer wieder das alte Passwort ein. Das ist proaktiv.
Interferenz ist neben dem einfachen Verblassen einer der Hauptgründe, warum wir vergessen. Erinnerungen, die an denselben Hinweisreizen hängen, konkurrieren, wenn du eine davon abrufen willst. Hängen zwei Vokabellisten, zwei Sprachen oder zwei ähnliche Formeln an denselben Hinweisreizen, greift das Gehirn zur falschen oder zu gar keiner.
Fürs Lernen geht es um Reihenfolge und Ähnlichkeit. Zwei sehr ähnliche Themen direkt hintereinander, etwa erst Spanisch-, dann Italienischvokabeln, oder zwei Medikamentengruppen mit ähnlichen Namen, verschwimmen. Leg sie zeitlich auseinander, schieb etwas anderes dazwischen, frag dich zu beidem ab und mach die Unterschiede ausdrücklich. Schlaf bald nach dem Lernen schützt das Gelernte zusätzlich, weil weniger Neues dazwischenfunkt, während es sich festigt.
| Retroaktiv | Proaktiv | |
|---|---|---|
| Richtung | Neues stört alte Erinnerung | Altes stört neues Lernen |
| Was verloren geht | Die ältere Information | Die neuere Information |
| Alltagsbeispiel | Du lernst eine neue Handynummer und vergisst die alte | Im Januar schreibst du noch das alte Jahr aufs Datum |
| Beispiel beim Lernen | Nach Italienischvokabeln rutschen dir die spanischen weg | Nach Spanischvokabeln kommen italienische Wörter auf Spanisch raus |
| Beste Abwehr | Ähnliches zeitlich trennen, Schlaf, Abfragen | Alt und neu gegenüberstellen, das Neue oft abfragen |
Tom lernt um 16 Uhr den Sympathikus und um 17 Uhr den Parasympathikus. Im Quiz am nächsten Tag weiß er nicht mehr, welcher die Pupillen weitet. Das zweite Thema hat Teile des ersten überschrieben. Die Lösung: ein System pro Tag, am Ende der Woche ein Quiz zu beiden gemischt und eine Tabelle mit den Unterschieden in zwei Spalten.
- 1Lern zwei sehr ähnliche Themen nicht direkt hintereinander. Schieb ein anderes Fach oder eine Pause dazwischen.
- 2Schreib die Unterschiede nebeneinander auf, als Tabelle oder laut, damit jede Erinnerung ihren eigenen Hinweis bekommt.
- 3Frag dich zu beiden Themen gemischt ab, sobald du jedes einzeln kannst, damit du das Unterscheiden übst.
- 4Wiederhole das ältere Thema nach dem neuen noch einmal, verteilt über ein paar Tage.
- 5Lern das schwierigere oder ältere Material vor dem Schlafen und pack danach nicht noch Neues obendrauf.